Ost-Ghouta vor der Eroberung

DZNEnwyW0AEXCPL

Die Evakuierung der umkämpften Region Ost-Ghouta nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus dauert seit Wochen weiterhin an. Die von islamistischen Kräften gehaltene Enklave war über einen Monat lang der Operation „Damaszener Stahl“ ausgesetzt, die von der Syrisch-Arabischen Armee (SAA) und verbündeten Milizen unter der Führung der Eliteeinheiten der „Republikanischen Garden“ und „Tiger Forces“ gestartet wurde. Nachdem etwa 70% der Gebiete gewaltsam erobert wurden kam es zu lokalen Verhandlungen zwischen den verschiedenen Oppositionsgruppierungen in den inzwischen in drei Teilen gespalteten Territorium, wovon zwei eingeschlossene Gebiete nach Verhandlungen und der Einigung über eine Evakuierung aufgegeben haben und nun unter der Kontrolle der syrischen Regierung und Russlands stehen. Einzig die von der islamistischen Fraktion Jaish al-Islam gehaltene Stadt Douma hat bisher nicht aufgegeben, jedoch ist eine Waffenruhe in Kraft getreten, die am Samstag auslaufen soll solange es zu keinem Deal kam.

Bus für Bus verlässt im Stundentakt die teilweise zerstörten Städte von Ost-Ghouta, nachdem beide Seiten sich auf eine Evakuierung einigen konnten. In den Städten Arbin und Harasta wurden „humanitäre Flüchtlingskorridore“ errichtet von denen aus diese Transporte stattfinden, den Kämpfern ist die Bewaffnung mit leichten Waffen erlaubt. Diese Deals haben im syrischen Konflikt eine langjährige „Tradition“, bereits viele belagerten Städte in der Provinz Rif Dimashq um Damaskus wurden durch diese Art befriedet. Die Kontrolle übernehmen dafür reguläre Polizeikräfte und russische Spezialkräfte, die normale Aufgaben übernehmen, ausbilden und zugleich Minenräumungen vornehmen, was auf dieser Art bereits in Aleppo geschehen ist.

Inzwischen soll die Zahl der evakuierten Personen in die Provinz Idlib auf über 30.000 Menschen gestiegen sein, ein Großteil davon sind Familienmitglieder der aufständischen Kämpfer. Die Busse erreichten dabei mehrere Städte wie Maarat al-Numan, Idlib oder Kafr Zita. Der UN zufolge flohen nach derzeitigem Stand etwa 76.000 Zivilisten aus Ost-Ghouta in Richtung der von der syrischen Regierung errichteten Flüchtlingslagern, wovon die Hälfte auch wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Russland und Syrien geben die Anzahl der Flüchtlinge hingegen bei um die 150.000 Menschen an. Das russische Verteidigungsministerium hat dabei mehrere Kameras und Drohnen aufgestellt, die Liveübertragungen von diesen Flüchtlingsbewegungen zeigen. Dem russischen Verteidigungsministerium zufolge wurden 36 Selbstmordattentätern bei der Evakuierung in den Bussen festgenommen, nachdem Sprengstoffgürtel gefunden wurden. Bisher wurden dafür keine näheren Beweise vorgelegt.

Auch wenn die Gruppierungen Ahrar al-Sham in Harasta und Faylaq al-Rahman in mehreren Städten die Waffen niedergelegt haben, scheint bei Jaish al-Islam keine Einsicht angesichts dieser militärisch aussichtslosen Situation zu herrschen. Die angeblich noch 100.000 Einwohner zählende Stadt Douma (syrischen Medien zufolge flohen 20.000 Personen aus der Stadt) ist inzwischen völlig isoliert und belagert, jedoch scheint es bis auf eine Waffenruhe noch keiner Einigung gekommen zu sein. Nun drohte das syrische Militär mit einem Ultimatum bis Samstag, wo nach der Beendigung aller diplomatischen Verhandlungen es zu einer letzten Offensive auf die Stadt kommen würde. Dementsprechend wurden Truppen der SAA um die Stadt massiert, es fehlt nur noch der Befehl zur Erstürmung des Ortes. Dieser Unwillen der Islamisten würde wahrscheinlich den Tod Dutzender Zivilisten bedeuten.

DZYKCo2X0AA6YG-.jpg
Einwohner von Douma protestieren gegen Jaish al-Islam

Derweil dauern die Aufräumarbeiten in den neulich eroberten Gebieten statt. In der Stadt Saqba wurde nach langer Zeit wieder eine große Bäckerei eröffnet, nachdem Beamte der syrischen Regierung die Stadt besuchten. Ein Hilfskonvoi des Roten Kreuzes erreichte die umliegenden Dörfer und Ortschaften von Kafr Batna oder Hazeh und versorgte die Ansässigen. In den ganzen Gebieten wird ein riesiges Netzwerk an Tunneln (teilweise auch zum Transport von Fahrzeugen genutzt) und Gräben entdeckt und zerstört, auch mit der Hilfe von Anwohnern. Währenddessen ereignen sich kleinere Demonstrationen gegen Jaish al-Islam in Douma, sie erinnern an diejenigen in den Städten Hamouriyah oder Kafr Batna, die in Folge kampflos übergeben wurden. Insgesamt erweist sich die Bevölkerung als große Hilfe für die syrische Regierung.

Das syrische Fernsehen zeigt Menschen, die die Islamisten aufs Schärfste kritisieren, darunter die Hortung von Nahrung (in Harasta wurden riesige Lager gefunden) und Medizin, weitreichende Korruption und den Tod von mehreren Menschen, die Tage zuvor gegen sie demonstriert haben. Es kommt auch zu mehreren Familienzusammenführungen, wo nach sieben Jahren Soldaten ihre Eltern wiedertreffen. Einige Rebellen schließen sich der syrischen Armee oder weiteren Regierungsmilizen an oder akzeptieren die Amnestie und führen ein Leben als Zivilisten fort. Einige ranghohe Anführer von den islamistischen Rebellen stellten sich als Spione im Dienste der syrischen Geheimdienste heraus. Beispielsweise war Bassam Dofda ein wichtiger islamischer Rechtsgelehrter in Faylaq al-Rahman und war federführend für die friedliche Übergabe der Städte Kafr Batnah und Saqba an die syrische Regierung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s