Türkei gegen die Kurden in Afrin auf dem Vormarsch

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Neue türkische Fahrzeuge warten an der Landesgrenze für den Einsatz in Operation „Olivenzweig“

Seit über einer Woche dauert nun die türkische Operation „Olivenzweig“ in Syrien an, wo die türkische Armee mit verbündeten Oppositionsgruppen (TFSA) gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) bzw. amerikanisch unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) vorgeht und dabei versucht, die Kurden aus der syrisch-türkischen Grenzregion zu vertreiben. Nach fast einem Monat gewinnt die Offensive an Momentum, nachdem sie in den ersten Wochen geradezu wie ein militärisches Fiasko für die Türkei wirkte. Langzeittrends sind aber davon noch nicht ablesbar, die Kurden können weiterhin auf die Unterstützung der syrischen Regierung zählen.

Die türkische Armee konnte an mehreren Fronten gleichzeitig vorrücken und dabei entscheidene Fortschritte erzielen, besonders im Süden und Westen Afrins. In der Umgebung der ersten größeren Stadt Jinderes, etwa acht Kilometer von der türkischen Grenze entfernt, wurden Dutzende Siedlungen und Hügelketten erobert, die den 15.000 Einwohner zählenden Ort von einem zukünftigen Angriff bedrohen. Seit der Eroberung der Grenzdörfer wie al-Amara, al-Mahmudiya, Dewe Jorin und Arshali befinden sich türkische Truppen nur noch wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, welches bereits mithilfe von Luft- von Artillerieschlägen regelmäßig beschossen wird. Zum gleichen Zeitpunkt soll sich ein großer Protestzug von Zivilisten nach Jinderes bewegen, um ihre Solidarität mit den dortigen kurdischen YPG-Kämpfern auszudrücken. Es ist nicht bekannt ob sich ebenfalls Soldaten darunter befinden.

Bei Rajo hingegen konnten zwei aktive Frontlinien miteinander verbunden werden. Durch die Sicherung der Ortschaften Omar Simo, Qudah, Dorakli, Sediyah, Qawahla und Khara Suluq sind nun die Vorstöße bei Rajo und Sheikh Hadad miteinander verbunden, was damit auch die Eroberung des türkischen Grenzgebietes bedeutet. Insgesamt hält die TFSA zusammen mit den türkischen Streitkräfte etwa elf Prozent der Gesamtfläche Afrins, ein Anstieg von etwa drei Prozent im Vergleich zum 13. Februar. Die türkische Offensive scheint nun an Fahrt zu gewinnen, nach anfänglichen Schwierigkeiten und weiterhin hohen Verlustzahlen konnte man alleine an einem Tag etwa fünf Dörfer von der YPG erobern.

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Offiziell von der TFSA veröffentlichte Karte zur Situation in Afrin, lila sind neulich eroberte Gebiete

Die Gegenangriffe der Kurden sind hingegen drastisch gesunken, in den vorherigen Tagen kam es gar kaum zum Einsatz von iranischen und russischen Panzerabwehrwaffen, lediglich zwei Videos wurden veröffentlicht, die die Beschädigung von zwei gepanzerten Militärfahrzeugen des Typs ACV-15 zeigen. Zudem wurde ein größerer Artillerieangriff auf einen syrisch-türkischen Stützpunkt bei Azaz gestartet, wo wahrscheinlich ein Munitions- oder Nachschublager getroffen und zerstört wurde, Verluste sind nicht bekannt. Die inzwischen wieder gestarteten Luftangriffe schaden vor allem der militärischen Infrastruktur der Volksverteidigungseinheiten, beispielsweise wurde ein erst neu errichtetes Munitionslager bei Jinderes zerstört. In einem von Russia Today veröffentlichten Interview mit einem kurdischen Kämpfer wurde die Frage gestellt, weshalb der zivile Kleidung trage. Die Antwort: Um sich vor türkischen Angriffen zu schützen, da sie auf jede Person in Uniform schießen. Tatsächlich wurden in früheren Bildern und Videos gerade die Frauenvolksverteidigungseinheiten (YPJ) in Zivilkleidung gesichtet.

Die Bedrohung von Islamisten auf das ansonsten irreligiöse Afrin manifestiert sich immer weiter. Beispielsweise drohte ein TFSA-Kämpfer, alle „atheistischen Kurden“ in Afrin zu massakrieren. Andere stießen dschihadistische Nasheeds an, wo sie die Taten der Islamisten im Kaukasus und in Afghanistan priesen und laut denen Afrin nun der nächste Schritt sei. In Bulbul wurde ein Video aufgenommen, welches eine ausgezogene, verstümmelte Leiche einer YPJ-Kämpferin zeigt. Nun wurde eine erste Straße zwischen Afrin und Idlib eröffnet, wo gerade Islamisten das Sagen haben. Es werden in Zukunft wahrscheinlich immer mehr islamistische Gruppierungen (z.B. neuerdings Jaish al-Nasr) ihr Einflussgebiet auf Afrin ausdehnen wollen, was langfristig unmittelbar zum Konflikt mit der Türkei fällt. Die Leidtragenden sind die Einwohner vor Ort, die inzwischen auch zu Tausenden in Richtung Aleppo geflohen sind. Denn die syrische Regierung hat einen Notkorridor eingerichtet, durch denen sich unbehelligt Zivilisten und kurdische Kämpfer zwischen ihren Gebieten in Nordsyrien reisen können.

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Zivilkonvoi auf dem Weg nach Jinderes

Diese Unterstützung drückt sich auch andererseits aus. In Jinderes kommt es nun vermehrt zu Meldungen und Videos, die den Einsatz iranischer Waffen und Ausrüstung zeigen. In Jinderes wird mindestens ein iranischer Safir-Jeep als provisorische Artillerie eingesetzt. Dies stärkt den Eindruck der iranischen (und russischen Unterstützung) für die Kurden in Afrin, nachdem bereits dutzende Panzerabwehrwaffen (ATGMs & TOWs) aus iranischer Bauart stammen und scheinbar auch iranische 107MM-Raketen von den Frauenverteidigungseinheiten genutzt werden.

Die Frage bleibt nur, ob es sich um eine staatliche Unterstützung handelt oder der Waffeneinsatz nur das Ergebnis eines weitreichenden Schmuggels zwischen Afrin, der syrischen Regierung und gar der Opposition in Idlib ist. Es gibt einige Berichte über die Präsenz von schiitischen Kämpfern aus den schiitischen Grenzstädten Nubl und Zaahra, die ein besonders Verhältnis zu den Kurden in Afrin besitzen. Bis 2016 waren beide Orte von der Opposition belagert, nur von Afrins Seite kam es zu einem regen Handel und Schmuggel von Waren über die Grenze. Dafür scheinen sie sich nun in Kämpfen zu revanchieren. Es wäre nicht unwahrscheinlich, dass diese schiitischen Kämpfer sich absolut unabhängig von der syrischen oder anderen Regierungen dazu entschlossen haben, auch wenn dieser Schritt im Interesse ebendieser Regierungen fällt.

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Jaish al-Nasr schickt Verstärkung, um den türkischen Vorstoß zu unterstützen

Beide Seiten kompensieren die Verluste mit dem Erreichen neuer Einheiten und Gruppierungen aus ihren Heimatregionen. In den letzten Tagen und Wochen wurden immer mehr türkische Spezialeinheiten in der Nähe der syrischen Grenze gesichtet, die mithilfe von Transportflugzeugen ihr Ziel erreichten. Auf türkischer Seite werden Eliteeinheiten wie das 56. Regiment an die Grenze gezogen, welche bereits in der Vergangenheit erfolgreich gegen die PKK in der Türkei operieren konnte. Ihre Erfahrung im gebirgigen Terrain wird in der Bergregion von Afrin sehr hilfreich sein. Die vermehrten Tode von türkischen Soldaten sind Indikator für die tiefere Beteiligung der türkischen Armee in Operation „Olivenzweig“. Die TFSA selber wird ebenso vielfältiger, islamistische Gruppierungen wie Nour al-Din al-Zenki oder Tahrir al-Sham kündigten ihre Bereitschaft in dem Falle an, sollte eine neue Front in Süd-Afrin eröffnet werden. Außerdem wurde inzwischen ebenfalls Jaish al-Nasr in Nord-Afrin gesichtet, die ansonsten gegen die Syrisch-Arabische Armee in Nord-Hama und Idlib kämpfen.

Die YPG/SDF hingegen erhält materielle und personelle Unterstützung von der Rest-YPG und -SDF in Nordsyrien, hinzu kommen örtliche Milizen und internationale kommunistische KampfverbändeKampfverbände, die angeblich bereits in Kämpfen einen spanischen und britischen Soldaten verloren haben soll. Die Einheiten nutzten das syrische Regierungsterritorium im Norden der Provinz Aleppo, welches Afrin und das restliche Gebiet der SDF miteinander verbindet. Es stellt den einzigen Weg zu Afrin dar, die restlichen Gebiete werden von der Türkei oder mit ihnen verbündeten Gruppierungen kontrolliert.

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