Türkei erobert erste größere Siedlung von den Kurden in Afrin

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Seit über einer Woche dauert nun die türkische Operation „Olivenzweig“ in Syrien an, wo die türkische Armee mit verbündeten Oppositionsgruppen (TFSA) gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) bzw. amerikanisch unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) vorgeht und dabei versucht, die Kurden aus der syrisch-türkischen Grenzregion zu vertreiben. Nach den ersten Rückschlägen und Verlusten scheint die Türkei immer mehr an Momentum zu gewinnen und konnte in den vergangenen Tagen mehrere Dörfer erobern, darunter auch die erste größere Siedlung Bulbul. Unter hohen Verlusten geraten die Kurden immer weiter unter Druck.

Die türkischen Streitkräfte und die mit ihnen verbündeten Oppositionseinheiten konnten an verschiedenen Fronten weiter vorrücken, vor allem im Norden und Westen Afrins konnte man Erfolge verzeichnen. In der Nähe des Dorfes Rajo konnten Saati Shaagi, Hebron, Khalil und Sate von der TFSA gesichert werden. Dadurch gerät Rajo selber unter den Beschuss türkischer Artillerie, angeblich operieren dort türkische Spezialeinheiten über die Nacht hinweg und versuchen derzeit, das aufgrund seiner Lage entlang von zwei wichtigen Versorgungsstraßen gelegene Dorf unter ihre Kontrolle zu bringen.

Im Norden konnte die türkische Siedlung die erste größere Siedlung mit dem Namen Bulbul sichern. Die Siedlung befindet sich etwa zwei Kilometer von der türkisch-syrischen Grenze entfernt und stellt somit den bisher größten Erfolg für die türkische Armee dar. Am Tag zuvor wurde ein riesiges Öcalan-Portrait durch einen türkischen Luftschlag beschädigt und kurz darauf durch eine türkische Flagge ersetzt. Neben Bulbul wurden auch umliegende Ortschaften wie Zetan, Zara, Ali Kar und Kurni  erobert bzw. wiedererobert, die nach dem schlechten Wetter in den Anfangstagen durch eine YPG-Gegenoffensive verloren wurden.

Nach der Eroberung der Festung und des Berges Baysala konnte die Türkei ebenfalls umliegende Gebiete sichern, wobei auch mehrere YPG-Kämpfer gefangen genommen wurden. Im Süden hingegen konnten islamistische Rebellen Manpads (9K38 Igla) von den Kurden erbeuten. Neu veröffentlichte Videos zeigen die Volksverteidigungseinheiten immer wieder im Einsatz mit ATGMs und Panzerabwehrwaffen wie die Fagot oder Toophon, die aus jeweils russischer und iranischer Produktion stammen. Nach jahrelanger Kooperation zwischen den Kurden in Afrin und Russland werden die Kurden über eine große Anzahl an russischen Waffen verfügen, auch gerade wegen den anhaltenden Kämpfe haben Russland und die syrische Regierung weiterhin ein aktives Interesse an dem Einsatz gegen die syrische Opposition.

 

Unter der türkischen Artillerie und den Luftschlägen kommt es vermehrt zu zivilen Opfern. Das Krankenhaus in der Stadt Afrin vermeldet den Tod von etwa 127 Toten, viele flüchteten in die natürlichen Höhlensysteme in der kurdischen Bergregion.

Als Vergeltungsschläge auf die zivilen Verluste innerhalb Afrins startet die YPG ebenfalls mehrere Raketen auf Städte im türkischen Staatsgebiet. Die Orte Reyhanli, Hassa und Khirikan wurden insgesamt über 30 Mal beschossen, wodurch bisher drei Zivilisten getötet und über 50 weitere Personen verletzt wurden. Unter den Opferzahlen befindet sich auch ein 17-jähriges Mädchen, welches wie viele Verletzte ein syrischer Flüchtling ist. Seit der Eroberung des Berges Baysala an der türkisch-syrischen Grenze wurden die Raketenangriffe auf Kilis gestoppt.

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Aktuelle Situation in Afrin: Besonders im Westen und Norden konnte die türkische Armee neue Gebiete gewinnen

Tausende Flüchtlinge begeben sich in andere Teile Syriens, vor allem wegen den Kämpfen und der Gefahr vor den islamistischen Oppositionskämpfern, die bereits Christen und Kurden mehrmals mit dem Tod bedrohten.

Beispielsweise drohte ein TFSA-Kämpfer, alle „atheistischen Kurden“ in Afrin zu massakrieren. Andere stießen dschihadistische Nasheeds an, wo sie die Taten der Islamisten im Kaukasus und in Afghanistan priesen und laut denen Afrin nun der nächste Schritt sei. In Bulbul wurde ein Video aufgenommen, welches eine ausgezogene, verstümmelte Leiche einer YPJ (Frauenverteidigungseinheiten)-Kämpferin zeigt. Die Opposition erklärte, bei Barin Kobani (der Kämpferin) soll es sich um eine Selbstmordattentäterin gehandelt haben, die aus Verzweiflung vor einer Gefangennahme eine Granate in ihren Händen explodieren ließ. Neben der Behauptung gibt es aber keine Beweise dafür.

Internationale Organisationen wie der deutsche Zentralrat der Jesiden kritisierten ebenfalls die Türkei und sagten, dass religiöse Minderheiten in Afrin durch die Islamisten nun bedroht werden. Drei Kirchen in Afrin baten um den „internationalen Schutz“ der etwa 250 christlichen Familien vor Ort.

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TFSA in Bulbul

Beide Seiten kompensieren die Verluste mit dem Erreichen neuer Einheiten und Gruppierungen aus ihren Heimatregionen. In den letzten Tagen und Wochen wurden immer mehr türkische Spezialeinheiten in der Nähe der syrischen Grenze gesichtet, die mithilfe von Transportflugzeugen ihr Ziel erreichten. Darunter befindet sich beispielsweise das 56. Regiment „Bingöl“, welches bereits in der Vergangenheit erfolgreich gegen die PKK in der Türkei operieren konnte. Ihre Erfahrung im gebirgigen Terrain wird in den Bergregionen von Afrin sehr hilfreich sein. Die YPG/SDF hingegen erhielt von Nordostsyrien reguläre Unterstützung und auch internationale, kommunistische Kampfverbände. Die Einheiten nutzten das syrische Regierungsterritorium im Norden der Provinz Aleppo, welches Afrin und das restliche Gebiet der SDF miteinander verbindet. Es stellt den einzigen Weg zu Afrin dar, die restlichen Gebiete werden von der Türkei oder mit ihnen verbündeten Gruppierungen kontrolliert.

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