Kurden schlagen die Türkei in Afrin zurück

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TFSA-Kämpfer bei Raju

Am vierten Tag der türkischen Operation „Olivenzweig“ gegen die von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG/SDF) gehaltene Afrin-Region im Nordwesten Syriens zeigen die Kurden erstmals intensiven Widerstand gegen die türkische Armee und die mit ihnen verbündeten Oppositionskämpfer (TFSA). Dadurch ist die Offensive erlahmt und einige Gebiete konnten wieder erobert werden. Türkei verzeichnet die ersten eigenen Verluste, Hunderttausende sind durch die anhaltenden Kämpfe davon bedroht zu fliehen. Währenddessen werden weitere Gebiete von der Türkei bedroht, die sich unter der Kontrolle der von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) befinden.

Eine von der YPG  initiierte Gegenoffensive auf neulich eroberte Dörfer der TFSA scheint bisher erfolgreich zu verlaufen: Mithilfe von veröffentlichten Bilder und Videos scheinen die Kurden die Dörfer Qurnah, Hamam, Kurni und Shengal zurückerobert zu haben. Dafür hat die türkische Armee weitere Fortschritte östlich von Raju gemacht und dabei mehrere Stellungen der Volksverteidigungseinheiten zerstört. Bei diesen Gegenangriffen wurden ebenfalls drei türkische Soldaten (Musa Özalkan, Oğu Kaan Usta und Mehmet Muratdaği) getötet, wie das türkische Verteidigungsministerium bestätigt. Ein Weiterer wurde verletzt. Das Ministerium spricht inzwischen von der Tötung von etwa 260 „PKK-Terroristen“, realistischere Zahlen von etwa 50. Die Verlustzahlen der TFSA werden sich auf einem ähnlichen Niveau bewegen.

Weitere Angriffe gab es an den südlichen und östlichen Frontlinien. In der Nähe des von den Rebellen gehaltenen Stadt Marea berichten oppositionelle Streitkräfte von der Abwehr eines Überfalls, wobei dreizehn YPG-Kämpfer getötet wurden. Südlich von Afrin bei dem Dorf Dayr Siman gab es hingegen einen erfolgreichen Angriff, wo mehrere Aufständische getötet und Kriegsgerät erbeutet wurde.

Besonders umkämpft ist der Berg Birsaya in Ost-Afrin, welcher als natürliche Festung gegen Angriffe der TFSA dient. Mehrere Jahre arbeitete die YPG an diesen Verteidigungsanlagen, da der Berg direkt an der Front liegt und man durch ihn weite Gebiete in der Umgebung überblicken kann. Dementsprechend überraschend waren die ersten Berichte, dass die türkische Armee nach nur wenigen Stunden den gesamten Berg unter ihre Kontrolle hatte. In der folgenden Nacht aber zog man sich zurück, womöglich um nicht in eine gleiche Situation wie in al-Bab zu geraten, wo man auf dem Berg Aqil enorme Verluste gegen den Islamischen Staat erleiden musste, darunter den Verlust von zwei deutschen Leopard A2-Panzern. Inzwischen behaupten beide Fraktionen, die Kontrolle über die Bergregion zu besitzen, am wahrscheinlichsten beherrschen beide Seiten Teile davon.

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Von Faylaq al-Sham veröffenlichte Karte: Blau sind die eroberten Gebiete in Afrin, welches von der YPG gehalten wird (gelb)

Die Türkei führt unentwegt ihre Luft- und Artillerieangriffe auf den ganzen Kanton Afrin weiter, wobei auch zivile Ziele getroffen werden. Dem derzeitigen Stand nach wurden etwa 30 bis 120 Zivilisten umgebracht. Die Volksverteidigungseinheiten hörten derweil nicht mit dem Gegenbeschuss auf türkische Städte in der Grenzregion auf. Erneut wurden die Städte Kilis und Reyhanli von mehreren Granaten getroffen, wobei es aber nur zu Sachschäden gekommen ist.

In anderen Teilen Syriens scheint sich die Lage zwischen der Türkei, der SDF/YPG und der syrischen Regierung aufzuhitzen. Unbestätigten Angaben zufolge wurden mehrere Soldaten in der geteilten Stadt Qamishli von den „Asayish“-Polizeistreitkräften der SDF festgenommen, der Grund dafür ist unbekannt. Außerdem sollen Truppen der syrischen Armee die Grenzregion zwischen Manbij und al-Bab verlassen haben, die zuvor eine Pufferzone zur Prävention für Kämpfe zwischen der Opposition und der SDF errichteten. Anderen Quellen zufolge sollen sich diese Einheiten aber wieder an ihre alten Positionen zurück begeben haben, diese Entscheidung also nur von temporärer Natur war. Die türkische Regierung drohte in den letzten Tagen immer wieder mit einem neuem Angriff auf die Provinz Manbij, aufgrund der amerikanischen Präsenz würde dort die USA ebenfalls unter Beschuss geraten.

Sollte sich dies bewahrheiten deutet es auf die Unstimmigkeiten zwischen der syrischen Regierung und der YPG hin, die in letzter Zeit entstanden sind. Demnach wurden Gerüchte gestreut, dass der Anschluss des Afrin-Kantons an das Kontrollgebiet der syrischen Regierung türkische Angriffe verhindern würde. Die Regierung ermöglicht der SDF freien Transit zwischen Afrin und Manbij durch ihr Territorium.

Einen Großteil der Vorstöße übernehmen syrische Rebellen, die vor allem aus den Gebieten in Nord-Aleppo rekrutiert wurden. Darunter befinden sich islamistische bis moderatere Kräfte, die dortigen Interessengruppen  eint aber vor allem die Korruption und die türkische Finanzierung. Namhafte Gruppierungen sind beispielsweise Sultan Murad, Hamza Division, Faylaq al-Sham oder Jaish al-Nokhba. Interessanterweise veröffentlichte Tahrir al-Sham (ehemals bekannt unter den Namen Jabhat Fateh al-Sham und al-Nusra, syrischer al-Qaida-Ableger) am Mittwoch ebenfalls ein Statement, wo sie ihre Beteiligung bestätigten. Demnach soll Tahrir al-Sham zwei Orte bei Qal’at Sam’an von der YPG wiedererobert haben, nachdem diese eine Offensive gestartet haben.

Veröffentlichte Bilder zeigen aber auch involvierte Spezialeinheiten der türkischen Streitkräfte und weitere Divisionen, die die Aufklärungsarbeit, Artillerie und Panzer übernehmen. Wie bereits bei der Operation „Euphrates Shield“ sind deutsche Leopard A2-Panzer an der Offensive beteiligt. Der Islamische Staat konnte dabei erfolgreich zwei Panzer dieses Typs erbeuten und später zerstören. Am ersten Tag wurde durch eine abgefeuerte Panzerabwehrwaffe ebenfalls ein Leopard-Panzer leicht beschädigt. Ansonsten sind lediglich einige von der Türkei spendierte Militärfahrzeuge wie der Panthera F9 oder ACV-15 auffällig, die bereits fernab den Kämpfen in Afrin gegen die syrische Armee verwendet wurden.

 

 

 

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