Türkei erobert erstes Dorf in Afrin von den Kurden

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Die von der Türkei als Operation „Olivenzweig“ getaufte Offensive auf das von der kurdischen YPG/SDF gehaltene Gebiet in der Region um Afrin ist derzeit in vollem Gange. Eingeleitet wurde sie durch Dutzende Luftangriffe auf verschiedene Militärstellungen der YPG östlich von Afrin, die in ihrer Anzahl bisher unbekannt waren. Allein in den ersten zwei Stunden soll es laut türkischen Medien zu 108 Bombenabwürfen gekommen sein. Die Zivilisten fliehen in Höhlen, um sich zu schützen. Mit der Eroberung des ersten Grenzdorfes scheint nun auch ein Bodenangriff eingeleitet worden zu sein.

Am ersten Tag beschränkten sich alle Angriffe auf Luftschläge, kein einziger Kämpfer der Opposition und kein Soldat der türkischen Armee hat bisher das von der YPG kontrollierten Gebiet betreten. Angegriffen wurden vor allem Munitions- und Nachschublager, gefolgt von weiteren militärisch wichtigen Institutionen und Verteidigungsstellungen. Pressesprecher der YPG berichtet von zehn getöteten Personen, bei sieben davon soll es sich um Zivilisten handeln. Andere Quellen reden von sechs getöteten Zivilisten und sieben getöteten YPG-Kämpfern.

Die Dörfer Sengal  und Hay Uglu an der türkischen Grenze in Nord-Afrin wurde als erste Orte von der Türkei erobert. Die Siedlungen befinden sich direkt an der Landesgrenze und liegen nahe der Stadt Bulbue, die bereits in der Vergangenheit Schauort mehrerer Kämpfe war. Es gibt weitere Berichte von der Übernahme von Ada Manli, was aber bisher nicht bestätigt ist. Dort wurden zumindest drei YPG-Kämpfer gefangen genommen.

Die meisten Artillerieschläge wurden auf die östlichen Gebiete um den Militärflughafen Minagh, Tel Rifaat und bei den zwei Verbindungsstraßen Rajo und Bulbule verzeichnet, die direkt in die Türkei führen. Als Vergeltungsschlag wurden mehrere Mörsertreffer auf die türkische Grenzstadt Kilis gesichtet, wobei einige Häuser und Straßenzüge getroffen wurden. Es gab keine Angaben von Verletzten oder Toten. Verantwortlich dafür ist die YPG.

Zeitgleich zu der Luftoperation werden immer mehr Soldaten, Kämpfer der Opposition und Militärfahrzeuge entlang der syrisch-türkischen Grenze in Position gebracht. Ähnlich der ersten Operation in Syrien werden vor allem deutsche Leopard A2-Panzer genutzt werden, aber auch amerikanische M60-Panzer. Die Opposition mobilisiert ebenfalls und kann Tausende Kämpfer aufbieten. In der Nacht sollen in Marea drei SDF-Kämpfer desertiert haben.

Pressesprecher des türkischen Verteidigungsministeriums verkündeten die Operation als einen Kampf gegen „PKK-Elemente und den Islamischen Staat“, obwohl der IS keine Präsenz in Afrin besitzt. Man werde die lokale Bevölkerung von der „Unterdrückung der PKK“ befreien, obwohl sie in den vergangenen Wochen immer wieder zu Tausenden auf die Straße gegen die „türkische Besetzung“ gegangen sind. Weiteren Angaben des türkischen Fernsehens nach soll die „YPG/PKK“ Kinder und Zivilisten generell als menschliche Schutzschilde bei den Luftschlägen einsetzen. All dies zeigt die Propaganda der türkischen Regierung und der Medien, die bereits zu Anbeginn der Afrin-Operation in vollem Gange ist.

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Mehr und mehr Panzer überqueren die türkisch-syrische Grenze oder werden nahe ihr positioniert

Internationale Partner wie die USA und Russland unterhielten kurz nach Beginn der Offensive Telefonate mit der türkischen Regierung, das Besprochene ist unbekannt. Inzwischen hat Russland offiziell einen partiellen Abzug russischer Soldaten angekündigt, die Rest soll in die Region um Tel Rifaat verlegt werden, um nicht Opfer von den Bombardierungen der türkischen Luftstreitkräfte zu werden. Damit steht der Weg frei für eine allumfassende Operation zur Eroberung von Afrin, nachdem die einzige Schutzmacht Russland nur noch eine kleine Präsenz mehr in der Region besitzt. Türkischen Medien zufolge soll Russland außerdem der Türkei erlaubt haben, den syrischen Luftraum nutzen zu dürfen. Russland unterhielt zuvor zwei Militärbasen in Afrin,  Eines davon dient zugleich als Ausbildungsort für YPG-Kämpfer.

Die aggressiv-defensive Rhetorik der syrischen Regierung gegenüber der türkischen Regierung, Kampfjets abzuschießen sollten sie die syrische Lufthoheit verletzten, hat sich wie bewahrheitet auch nicht bewahrheitet. Bereits im Zusammenhang der ersten türkischen Operation in Nord-Aleppo gegen den Islamischen Staat gab es eine derartige Drohung, die aber nicht umgesetzt wurde. Wahrscheinlich wird die syrische Regierung aber weiterhin den Transfer von YPG-Kämpfern und Waffen durch sein Territorium erlauben, um dann in Afrin kämpfen zu können. Dennoch bedeutet das eine fast vollständige Isolation für den Kanton, ihre einzigen zwei „Verbündeten“ kehren Afrin bisher den Rücken. Das drückt sich auch in den Aussagen in Afrin aus, die besonders Russland als „Verräter“ auf eine Stufe mit der Türkei stellen.

Interessanterweise schickte das türkische Außenministerium der syrischen Regierung die Botschaft, dass die „Operation Olivenzweig“ eingeleitet wurde. Damit handelt es sich seit Jahren um den ersten offiziellen Kontakt zwischen den beiden Regierung, da die Türkei die syrische Regierung nicht als den offiziellen Vertreter der syrischen Bevölkerung ansieht.

 

 

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