Türkei beginnt Offensive auf Afrin

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Gelb ist das Kontrollgebiet der YPG, im grauen Territorium besitzt die Türkei eine Präsenz

Die türkischen Bedrohungen scheinen sich bewahrheit zu haben: Der türkische Präsident Erdogan verkündete offiziell den Beginn der Afrin-Operation, die Bodenoffensive soll schon gestartet sein. Seinen Aussagen zufolge werde zunächst die „Stadt Afrin, dann Manbij und bis zur irakischen Grenze gekämpft“ werden, um die „PKK-Terroristen“ zu besiegen. Die Tatsachen auf dem Boden sprechen jedoch eine völlig andere Sprache: Von ernsthaften Gefechten gibt es bisher keinen einzigen Bericht. Afrin liegt einer isolierten Region im Nordwesten des Landes und befindet sich  unter der Kontrolle der YPG/SDF.

In den vergangenen Tagen gab es unzählige Beweise die auf einem bevorstehenden Angriff der türkischen Streitkräfte und seinen verbündeten Oppositionsmilizen hindeuteten, nachdem immer mehr schweres Kriegsgerät an die syrisch-türkische Grenze gebracht wurde. Erdogan drohte ebenfalls mit einer kommenden Offensive auf Afrin, wobei diese Rhetorik wöchentlich wiederholt wurde und bisher keine Konsequenzen bedeutete. Auch begann man seit etwa einer Woche mit groß angelegten Bombardements mithilfe von Kampfjets und Artillerie auf mehrere Verteidigungspositionen der YPG in Afrin.

Die Luftschläge und Artillerieangriffe auf wichtige Militärstellungen und Infrastrukturen wurden in der letzten Zeit immer intensiver, auf dem gesamten Gebiet wurden mehrere YPG-Kämpfer getötet oder verletzt. Einziger Bericht von größeren Kämpfen waren beim Dorf Baliya in Nord-Afrin, wo es YPG-Pressesprechern zufolge zu einem Infiltrationsversuch der türkischen Armee kam, der jedoch erfolgreich abgewehrt werden konnte.  Die Truppen wurden danach zum Rückzug gezwungen. Seitdem aber blieben weitere Gefechte aus.

Die USA spielen keine Rolle in den Ereignissen, da sich der amerikanische Einfluss im Gegensatz zum restlichen Territorium der YPG/SDF nicht bis nach Afrin reicht und die dortigen Kurden stattdessen ein wesentlich besseres Verhältnis zur syrischen Regierung und Russland pflegen.  Russland soll inzwischen mindestens zwei Militärbasen in der Region betreiben, Eines davon dient zugleich als Ausbildungsort für YPG-Kämpfer. Aber auch die syrische Regierung kooperierte mit Afrin, bei der Aufhebung der Belagerung von den schiitischen Orten Nubl und Zaraa startete man gemeinsam eine Offensive auf die Opposition, die beiden Fraktionen einen Gebietsgewinn brachte. Am Ende übergab die Regierung sogar freiwillig Orte wie Ahras an die YPG.

Dementsprechend unklar und ambivalent war das bisherige Verhalten dieser beiden Verbündeten gegenüber der derzeitigen Situation, vor allem da sie ebenfalls stetig verbesserte Beziehungen zur Türkei unterhalten. Es gab unbestätigte Berichte über den Abzug russischer Soldaten aus Afrin, angeblich aufgrund geheimer Verhandlungen mit der türkischen Regierung. Damit würden die Kurden ihr größte Trumpfkarte verlieren, immerhin diente Russland stets als Schutzmacht. Die Regierung geht rhetorisch aggressiver gegen Erdogan vor, droht mit dem Abschuss türkischer Kampfjets sollten sie den syrischen Luftraum verletzten. Neben der Frage der Kapazität gab es bereits eine solche Aussage im Oktober 2016, dennoch unternahm die syrische Armee nichts um die türkischen Jets aufzuhalten. Vor wenigen Tagen sollen sie einem Militärkonvoi aus Manbij erlaubt haben, ihr Territorium zu nutzen um sicher nach Afrin zu reisen.

Derweil finden Proteste in Afrin und weiten Teilen des von der SDF beherrschten Gebietes statt, wo man keine „Angst vor dem türkischen Invasoren“ hätte und Afrin ihr „Grab“ werden würde. In Azaz, einer Stadt unter der Kontrolle der Opposition, hingegen gingen Hunderte auf die Straße um ihre Solidarität mit der Türkei auszudrücken.

Auch wenn man die militärische Ausgangssituation für die kurdischen Milizen als aussichtslos halten kann, so können ehemalige Erfahrungen sie durchaus zu einer erfolgreichen Verteidigung verhelfen. Afrin ist fast vollständig von Gebirgszügen umgeben, nur aus südwestlicher Richtung gibt es ein Tal welches bis zur gleichnamigen Stadt Afrin reicht. Das Terrain gibt also erhebliche Vorteile für den Verteidiger. Außerdem versuchten zumindest Oppositiosngruppierungen in der Vergangenheit immer wieder, die YPG in der Region um Tel Rifaat (Teil von Afrin) anzugreifen und neue Gebiete zu erobern. All diese Versuche scheiterten bisher kläglich und mit hohen Verlusten für die Rebellen. Bereits im Zusammenhang der Operation „Euphrates Shield“ im Kampf gegen den Islamischen Staat zeigten sie eher eine enttäuschende Performance. Veröffentlichte Bilder und Videos zeigen ebenfalls altes Militärgerät für die Opposition und Türkei, die vor allem M60-Panzer einsetzen werden. Die Kurden verfügen selber kaum über Panzer in Afrin, die Anzahl soll bei zwei bis drei Militärfahrzeugen liegen.

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Syrische Rebellen in der Nähe von al-Atshan

Der Afrin-Kanton befindet sich in der nordwestlichsten Ecke des Landes. Im Norden und Westen befindet sich die Türkei. Im Süden befindet sich die Provinz Idlib, die von islamistischen Gruppierungen wie Ahrar al-Sham oder Tahrir al-Sham beherrscht werden und die SDF abgrundtief hassen. Dort kam es in der Vergangenheit zu kleineren Plänkeleien, die jedoch nie ein größeres Ausmaß annahmen. Im letzten Jahr schien es zu einer Einigung zwischen Tahrir al-Sham und der Türkei gekommen zu sein, aus dessen Ergebnis die türkische Armee mehrere Militärkonvois an der Grenze zu Afrin in Idlib bringen und Truppen dort stationieren konnte. Seitdem herrscht die Türkei ebenfalls um eine dünne Pufferzone südlich von Afrin.

Diese Einfluss- und Kontrollgebiete der Türkei bedeuten eine zunehmende, gewollte Isolation von Afrin: Im Norden und Westen befindet sich die Türkei, im Osten das Gebiet von „Euphrates Shield“ und im Süden die Pufferzone. Einzig im Südosten gibt es eine relativ kleine Verbindung zur syrischen Regierung, welche recht gute Beziehungen zueinander unterhalten.

 

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