Syrische Armee wiedererobert verloren gegangene Gebiete in Idlib

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Nachdem es in den vergangenen Tagen scheinbar schlecht für die Syrisch-Arabische Armee (SAA) im Osten der nordwestlichen Provinz Idlib aussah, scheint sich das Gleichgewicht inzwischen wieder zugunsten der Armee verschieben. Die SAA konnte viele Dörfer wiedererobern, die sie zuvor durch die oppositionelle Gegenoffensive verloren hatte. Angesichts der recht desaströsen Verluste und Verteidigungsmaßnahmen ist dieses Ergebnis überraschend, die Opposition konnte zuletzt mehrere Dörfer an den westlichen Frontlinien erobern und dabei viele Soldaten zur Flucht zwingen. Da sich die Situation in Idlib immer wieder ändert wäre es nicht verwunderlich, wenn die Opposition wieder in den kommenden Tagen die Gefechte für sich entscheiden kann und erneut die umkämpften Dörfer wiedererobern wird.

Auf einer Breite von etwa 20 Kilometern starteten Islamisten zuletzt einen Großangriff, im Norden angeführt von Tahrir al-Sham (ehemals bekannt unter den Namen Jabhat Fateh al-Sham und al-Nusra) und im Süden von einem bunten Mix aus islamistischen und „moderateren“ Kräften. Nach den ersten Erfolgen der Rebellen konnte die Armee etwa ein bis zwei Tage später die Dörfer Atshan (welches damit zum fünften Mal seinen Besitzer wechselt), Jaduiyah, Saloumiyah und Sham al-Hawa erobern. Pro-oppositionelle Medien sprechen hingegen von der erfolgreichen Verteidigung von Khuwayn al-Khabir, welches zum dritten Mal von Soldaten angegriffen wurde.

Damit befinden sich noch einige Siedlungen wie das bereits erwähnte Khuwayn al-Khabir, Zif Zaghir, Zifr Khabir oder al-Khalakil weiterhin unter der Kontrolle der Rebellen, die sie nach der Gegenoffensive von der Armee erobert hatten. Dadurch konnte die Armee ein Großteil der verloren gegangenen Gebiete erneut zurückgewinnen, auch wenn dies nur unter schweren Verlusten geschieht.

Denn die Opposition setzt inzwischen nicht mehr auf die übliche Eroberungstaktik, sondern eher auf „Hit & Run“ um den Gegner möglichst viel Schaden zuzufügen und in seiner Offensive zu verlangsamen. Dieses „Ping-Pong-Spiel“ erinnert an die Situation in Nord-Aleppo von 2015/16, wo der Islamische Staat und die Aufständischen sich bekämpften und einige Dörfer bis zu 14 Mal in einem kurzen Zeitraum ihren Besitzer wechselten. Ob diese Taktik aber auch erfolgreich sein wird bleibt abzuwarten, die Opposition konnte zwar der Armee schweren Schäden materiell und personell zufügen, aber es genügen bisher nicht die Kräfte um den Vorstoß in Idlib aufzuhalten.

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Einige der neu eroberten Gebiete (blau umrandet). Im Süden sieht man die engste Stelle des „Fluchtkorridores“, welcher inzwischen etwa zwei Kilometer breit sein soll

Wesentlich aktiver wurde inzwischen die Front im Süden der Provinz Aleppo. Nachdem die syrische Armee die wichtigen Verteidigungspositionen auf dem al-Hass-Plateau stürmen konnte, begann ein Eroberungsfeldzug von mehreren Dörfern in Süd-Aleppo. Darunter befinden sich viele Orte wie Marhamiyah, Uwaynat, Tell Shahid,  Hawbar, Abo Ruwayl, Batha, Masih und al-Hayniyah. Masih befindet sich etwa acht Kilometer nördlich vom Militärflughafen in Abu Duhur, dem Ziel der Operation. Damit wird im Süden Aleppos immer weiter ein enger Korridor errichtet, der einen letzten Fluchtweg für den Islamischen Staat vor der Einkreisung durch die SAA darstellt. Es ist nicht ganz klar warum die syrische Regierung dieses Gebiet offen hält, möglicherweise möchte man dem IS die Möglichkeit geben, nach Idlib zu expandieren und stattdessen die Opposition anzugreifen.

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Emiratische Panthera F9, die von der Türkei übergeben wurden

 

Die syrische Armee hat weiterhin enorme Verluste zu verzeichnen, Rebellen haben mindestens 16 Soldaten gefangen genommen. In einem unbekannten Dorf kapitulierten mehrere Soldaten, wurden jedoch kurz darauf direkt exekutiert. Die Armee verlor mehrere Transporter und Panzer, teilweise zerstört oder erbeutet. Darunter befinden sich vor allem Schützenpanzer des Typs BMP-1 und reguläre Panzer wie der T-62 oder auch T-54. Inzwischen veröffentlichte Videos zeigen Soldaten, die völlig ungeordnet und demoralisiert flüchten, während Islamisten sie mit einem Panthera F9 verfolgen. Oder wo Dutzende Soldaten in Khuwayn al-Khabir vor einem BMP-1 flüchten. Diese Vorfälle zeigen die schlechte Verfassung der eingesetzten Truppen in Idlib ein, scheinbar scheint es auch an Panzerabwehrwaffen zu mangeln, die dafür in schierer Anzahl immer wieder von der Opposition bei ihren Überfällen erbeutet werden.  Die russischen Luftstreitkräfte bombardierten feindliche Stellungen und scheinen ihre Angriffe intensiviert zu haben. Inzwischen scheint die vollständige russische Luftwaffe in Syrien sich auf die Gebiete in Idlib zu konzentrieren.

Besonders interessant bei dieser Gegenoffensive sind die involvierten Gruppierungen. Neben den bereits erwähnten islamistischen Tahrir al-Sham und Ahrar al-Sham gibt es ebenfalls „moderatere“ Kräfte wie Jaish al-Nasr, die 1th Coastal Division (FSA), Jaish al-Nokhba (FSA), die aktiv von der Türkei unterstützt werden. Videos zeigen sogar türkische Militärfahrzeuge wie den Panthera F9, welcher von Faylaq al-Sham operiert wird. Mehrere Stunden später veröffentlichte Videos zeigen zumindest ein derartiges Fahrzeug, welches von der syrischen Armee gesichert wurde. Ebenfalls aktiv ist Nour al-Din al-Zenki (bekannt für ihre Enthauptung eines Kindes in Aleppo) und die international als terroristisch eingestufte chinesische „Islamische Turkestan-Partei“ oder die tschetschenische Ajnad al-Kavkaz.

Zum Ende des Jahres 2017 begann die syrische Regierung mit einer groß angelegten Offensive auf Idlib, die letzte Provinz in Syrien, welche größtenteils von der (islamistisch dominierten) Opposition gehalten wird, darunter solche mit guten Beziehungen zu al-Qaida oder aus China, Zentralasien oder dem Kaukasus. Zunächst konnte die Armee beeindruckende Erfolge innerhalb weniger Wochen verzeichnen und stieß auf wenig Widerstand. Erst die Gegenoffensive wendete die Situation, ein Ausgang ist bisher nicht klar ersichtlich.

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IS-Kämpfer zerstören Gräber in denen vom Islamischen Staat neu eroberten Gebieten (hier in der Provinz Idlib)

Wie in den vergangenen Wochen konnte der Islamische Staat von den Kämpfen zwischen Armee und Aufständischen profitieren und mehrere Fahrzeuge und Waffen erbeuten, neue Ortschaften erobern und Gefangene nehmen. Offizielle Medien des IS sprechen von der Eroberung diverser „Orte“ östlich der Stadt Sinjar, welche sich unter der Kontrolle der syrischen Armee befindet. Unbestätigte Berichte sprechen gar von der Eroberung des Dorfes Siraa, welches etwa drei Kilometer östlich von Sinjar liegt, dennoch sind diese Angaben höchst wahrscheinlich falsch. Besonders da die eroberten „Orte“ nicht näher spezifiziert wurden ist äußerst ungewöhnlich und ein Indiz für die fälschliche

Sie sind dennoch Ausdruck der Problematik der syrischen Armee in Idlib, im Osten vom Islamischen Staat und im Westen von der Opposition bedroht zu werden. Eingeengt zwischen den beiden Fraktionen, die unaufhörlich Angriffe auf die Armee starten und damit die Nachschublinien bedrohen.

Der Islamische Staat nutzte den Konflikt zwischen Armee und Opposition aus und eroberte mehrere Dörfer in Süd-Aleppo, nachdem sie von der Opposition verlassen wurden. In zwei Tagen in Folge wurden erstmals Berichte und Videos von offiziellen IS-Medien aus der Region veröffentlicht. Sie zeigen gefangen genommene (jeweils vier und ein) Soldaten, die angeblich nahe Abu Duhur überfallen worden sein. Damit kontrolliert der Islamische Staat weite Teile des zukünftig eingekreisten Gebietes.

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