Erste Zivilisten & Kämpfer fliehen nach Westaleppo

Die vor 2 Tagen proklamierte Generalamnestie und Möglichkeit zur Flucht aus dem belagerten Ostaleppo scheint erste Erfolge zu verzeichnen: Laut Berichten des syrischen Fernsehens und dortigen Reportern flohen bereits Dutzende Familien und Kämpfer. 

Erste Videos und Bilder aus dem syrischen Fernsehen zeigen große Menschenmassen an Familien, die nach ihrer Ankunft in Westaleppo versorgt und interviewt werden. Dabei rufen Personen „Allah, Souriya, Bashar w bas“ („Gott, Syrien, Bashar [al-Assad] und nichts Weiteres/Anderes!“) um diese Situation zu feiern. Aleppo galt ohnehin stets als Hochburg der syrischen Regierung und dies änderte sich auch nicht zu dem Zeitpunkt, als die syrische Opposition 2012 von Seiten Idlibs und Al-Babs die Stadt angriff.

Erste Angaben sprechen von etwa 75 Familien, die über den Flüchtlingskorridor nahe der Saladehin-Kreuzung nach Westaleppo geflohen sind. Zum momentanen Zeitpunkt werden sie verpflegt, ihre Daten aufgenommen und später dann in extra für sie vorbereitete Wohnungen gebracht. Insgesamt gibt es 4 Flüchtlingskorridore, 3 für Zivilisten und 1 Weiteren für kapitulierende Kämpfer.

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Ebenfalls ergaben sich einige oppositionelle Kämpfer bereits freiwillig der SAA. Auch wenn die Zahl momentan sehr gering ist (auf dem Bild sind z.B. 9 Personen abgebildet) zeigt sie wesentlich größere Aspekte der Situation an, z.B. die Moral in Ostaleppo. Wenn Diese gut verpflegt werden und all die Versprechen umgesetzt werden kann dies schnell zu einer größeren Menge führen, die fliehen möchte. Ein gewisses Misstrauen existiert weiterhin. Auf dem Bild verschleiern sie ihre Gesichter damit ihren Familien nicht dem Risiko irgendwelcher Racheaktionen der restlichen Kämpfer ausgesetzt sind.

 

Regierung bietet Generalamnestie & Fluchtwege in Ostaleppo an

Die Nacht des 27. Julis war eine sehr Ereignisreiche in Aleppo; nicht nur wurde Ostaleppo nun vollständig umzingelt und gar ein ganzer Distrikt erobert, auch wurde von Seiten der syrischen Regierung und Russlands eine humanitäre Mission angeboten um die dortigen Zivilisten zu versorgen. 

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Position des Viertels
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Republikanische Garde in Bani Zayd

Über die Nacht ist es geschehen: Oppositionelle Quellen meldeten, das die Syrische Armee unter der Führung der Eliteeinheit der Republikanischen Garden und der 4. Division das Viertel Bani Zayd gänzlich erobert hatten. Diese Nachricht klang so unglaubwürdig und unglaublich dass einige Regierungsquellen diese Eroberungen zunächst verneinten. Ein ganzes Viertel im urbanen Häuserkampf von Aleppo erobert? Immerhin begann die Operation erst vor wenigen Stunden und wurde mit Artilleriebeschuss und Luftschlägen eingeleitet.

Später nachdem sich der Nebel des Krieges gelegt hatte wurde ersichtlich, dass die oppositionellen Kämpfer sich aus dem Viertel & Umgebung zurückgezogen haben um nicht dem Risiko ausgesetzt zu sein, als Belagerung innerhalb der Belagerung zu enden. Vorausgegangen waren weitere schwere Angriffe auf das kurdische Viertel Sheikh Maqsoud, die erfolgreich zurückgeschlagen wurden und der „Youth Housing Complex“ nördlich des Viertels nahe der Castello-Straße erobert wurde (möglicherweise haben sie sich dort bereits zurückgezogen, es gab keine Berichte von Kämpfen um diese Gebäude). Berichten zufolge flüchteten sie per Tunnel in die oppositionellen Teile Ostaleppos. Inwiefern die YPG in Sheikh Maqsoud genutzt hat ist ungeklärt, es gibt sogar Berichte dass der Youth Housing Complex der SAA übergeben wurde.

 

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Hell Cannons und Munition in Bani Zayd

Bani Zayd war berühmt und berüchtigt dafür, die primäre Operationsbasis für den Beschuss Westaleppos mithilfe von sogenannten „Hell Cannons“ zu sein, improvisierter Artillerie die teilweise Fassbomben als Munition benutzte und vielen Zivilisten das Leben kostete. Das Viertel befindet sich östlich von dem erst kürzlich eroberten Layramoun-Industrieviertel und westlich von Sheikh Maqsoud. Nördlich verläuft die Castello-Straße und galt damit als wichtiges Glied, um die Belagerung Ostaleppos perfekt zu machen.

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Fluchtwege sind gekennzeichnet

Eine unerwartete Reaktion auf diese neu entstandene Situation gab es wiederum von der politischen Seite: Die syrische Regierung bzw. Assad versprach für 3 Monate eine Generalamnestie für alle Kämpfer, die sich freiwillig ergeben und die Waffen niederlegen. Diese Taktik ist nichts Neues und war z.B. in Homs sehr erfolgreich, vor allem da es zu einer inneren Spaltung zwischen den moderateren, syrischen Kämpfern und ausländischen Kämpfern führt, denen es wohl unmöglich ist sich zu ergeben. Zu diesem Zweck hatte man 4 Flüchtlingskorridore angeboten, 3 für die einfachen Zivilisten und 1 für kapitulierende Kämpfer (siehe Karte). Vagen Berichten zufolge versuchen Kämpfer bereits beim Fluchtkorridor im Norden bei Bustan Al Basha die Zivilisten vom Verlassen aufzuhalten.

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Außerdem begann man Berichten zufolge mit dem Abwurf von Lebensmitteln von syrischen Flugzeugen aus, die gezeigte Nahrung stammt höchst wahrscheinlich aus Russland. Dennoch gibt es ein grundsätzliches Misstrauen und die Zivilbevölkerung ist sich nicht sicher ob diese Nahrung nicht vergiftet sein könnte und begab sich deshalb sicherheitshalber in die Krankenhäuser, um die Nahrung zu überprüfen. Anmerkung: Die Aussagen über das vergiftete Essen sind absolut unbestätigt und könnten höchst wahrscheinlich falsch sein.

 

Momentan gibt es auch unbestätigte Berichte von größeren Erfolgen im Handarat-Camp im Nordosten Aleppos, wo Liwa al-Quds (man erinnere sich an das geköpfte Kind) Erfolge erzielt haben soll. In Ostaleppo sollen sich zwischen 30.000 und 400.000 Zivilisten noch befinden, die niedrigeren Zahlen erscheinen aber wahrscheinlicher.

 

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Feierlichkeiten in Westaleppo

Anmerkung: Die Situation ist momentan

Ostaleppo nun vor faktischer Belagerung

Aleppo cut1 26july 5mordad (2).jpgNachdem bereits vor 3 Wochen eine Feuerkontrolle über die Castello-Straße als letzte Versorgungsstraße für die Opposition in Aleppo initiiert wurde, ist der Belagerungsring um Ostaleppo nun auch fast faktisch durch Bodenkontrolle geschlossen.

Seit der letzten Nacht konnte die SAA bzw. Tiger Forces enorme Erfolge erzielen: Im Norden wurde das Castello-Restaurant und der Castello-Komplex (nach Diesen wurde die Straße benannt) erobert und die Fahne inzwischen gehisst.

Im Süden unter der Führung der 4th Division hingegen konnte das komplette Layramoun-Industrieviertel und die dortigen Garagen und Busunternehmen an der Grenze erobert werden. Inzwischen wird das westliche Nachbarsviertel Bani Zeyd und das Östliche Dharet Abd Rabbo mithilfe von Luftschlägen und Artillerie beschossen.

Die Entfernung zwischen den beiden Punkten sind weniger als 1km und ist im Gesamten eine große weite Fläche mit geringer Chance auf urbanen Häuserkampf, insofern sind schnelle Erfolge ebenfalls zu erwarten.

Jabhat al-Nusra von al-Qaida unabhängig erklärt

Nach einigen Tagen voller Gerüchte und unbestätigten Berichten ist es nun beschlossen: Anführer Abu Mohammed al-Joulani bestätigte den Austritt/Abspaltung am 25. Juli. Es gibt zwar noch kein offizielles Statement der Organisation(nen) dazu, aber durch den bereits verkündeten Namenswechsel in „Jabhat Fateh al-Sham“ (JFS), einer neuen Flagge und öffentlichen Stellungsnahmen ist es wohl faktisch verkündet. Das „Shura-Komitee“ entschied in Debatten der wichtigsten Kommandanten der jeweiligen Gruppierungen und Geistlichen „die Interessen der islamischen Nation und Sham [Levante] dadurch zu schützen, den Ungläubigen (Russland & USA) keine Legitimation dadurch zu geben, die syrische Opposition weiterhin anzugreifen.

Vorneweg: Selbstverständlich wird es ideologisch zu keinen Veränderungen kommen. Wir erinnern uns an ehemalige al-Qaida-Ableger, die sich völlig abgegrenzt haben oder zumindest noch ein loses Bündnis besitzen: Islamische Turkestan-Partei, Jund al-Aqsa, oder auch ganz simpel Daesh (entstanden aus der irakischen al-Qaida). Ebenfalls ist völlig klar, dass es eine innerparteiliche Opposition gibt die sich weiterhin für ein aktives Bündnis mit al-Qaida ausspricht. Ob diese Opposition aber besondere Schritte einnimmt bis hin zur Abspaltung von al-Nusra bleibt abzuwarten. Das Verhältnis zwischen Joulani und Zawahiri ist von dem „bay’at Kital fi sabil Allah“ geprägt, das Versprechen des heiligen Krieges im Namen Gottes. Dementsprechend ist es nichts Ungewöhnliches für einen temporären Zeitraum die „Unabhängigkeit“ zu erklären, um größeren Schaden an der „Ummah“ (Islamischer Staat) zu bewahren.

Nusra ist eine aktive Armee die eine Zivilbevölkerung zu verpflegen hat, Infrastruktur und staatliche Strukturen zu unterhalten, mit moderaten Gruppen sich zu verbünden und zugleich gegen sie zu kämpfen. All dies unterscheidet sie von al-Qaida.

Nicht zu vergessen konzentriert sich al-Nusra auf einen „Dschihad in einem Land (Syrien)“ während al-Qaida ebenfalls vom globalen Terrorismus Gebrauch macht. Daher wird auch der Namenswechsel stammen, welcher sich explizit auf den Levante bezieht. Der Namenswechsel hat ebenfalls laut eigenen Angaben den Zweck, dass dadurch die Gegner al-Nusras (Anmerkung: Auch die USA fliegt sehr selten Angriffe auf al-Nusra) „verwirrt“ sein werden und dementsprechend erste Reaktionen aufgrund der Entwicklung unterlassen werden, auch um Resultate abzuwarten. In dieser Zeit soll dabei die syrische Opposition gestärkt und vereint werden. Ebenfalls könnte es einen neuen bürokratischen Prozess für die UN andeuten, der die neue al-Nusra erneut als terroristische Gruppierung klassifizieren muss.

Durch dieses Ereignis nun werden also Wege und Möglichkeit geöffnet, al-Nusra zumindest aus diplomatischer Hinsicht anders zu bewerten.Von einem Bündnis mit Daesh/IS bis hin zu einer öffentlichen Unterstützung der arabischen Staaten für al-Nusra sind prinzipiell alle Wege geöffnet. Ein möglicher Ausblick und die verschiedenen Szenarien für diese Dynamik.

In der Kurzfassung: Es wird keine positive Entwicklung sein.

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Neue Flagge

Mögliche Szenarien und Auswirkungen:

Opposition unter al-Nusra Herrschaft?

Es handelt sich tatsächlich um keine neue Idee. Da al-Nusra bereits (neben Ahrar al-Sham und Jaysh al-Islam) zu den größten Oppositionsparteien gehört kam es schon öfters vor allem mit Ahrar al-Sham und innerhalb von Jaysh al-Fatah (Größtes salafistische Gruppenbündnis) zu Gesprächen, um eine Einigung unter dem Banner von al-Nusra zu bewirken. Al-Nusra genießt großen Respekt bei ihren Feinden, Freunden und der Bevölkerung, insofern bereits die gesamte Opposition in einer gewissen Form abhängig ist.

Beispiel: Innerhalb der UN-Waffenruhe vom 27. Februar kam es zu Kämpfen zwischen der 13th Division (FSA, USA unterstützt) und al-Nusra nachdem die Bevölkerung die Entfernung von al-Nusra forderte, immerhin war al-Nusra von der Waffenruhe ausgeschlossen. Wenig später kam es jedoch zu einer gemeinsamen Offensive der 13th Division und al-Nusra auf Südaleppo, al-Nusra war auf die Panzerabwehrwaffen der 13th Division angewiesen und al-Nusra war die einzige Fraktion die noch Offensiven im großen Maße ausführen konnte.

Dennoch bestand das allgemeine Problem der syrischen Opposition daraus, dass al-Nusra weiterhin Kontakte zu al-Qaida besaß. Man wäre man damit Opfer von amerikanisch-russischen Luftschlägen geworden, vor allem nach der neuen Verkündung einer größeren Kooperation scheint dieses Risiko so hoch wie nie zu sein. Die Erfahrung von amerikanischen Luftschlägen musste al-Nusra bereits schmerzhaft ertragen, nachdem die „Khorasan-Gruppe“ in Syrien letztes Jahr angegriffen wurde, eine Gruppe von Veteranen von al-Qaida.

Sollte sich tatsächlich dieses Resultat ereignen, so werden ausländischen Unterstützern der Opposition wesentliche Schwierigkeiten auferlegt. Auch wenn heute schon es fast unmöglich ist ohne al-Nusra aufzutreten, so würde diese Problematik wesentlich erschwert werden. Dadurch müssten sich ausländische Unterstützer von der USA bis Saudi-Arabien dafür rechtfertigen, auch direkt al-Nusra zu unterstützen. Für die arabische Halbinsel würde es sicherlich weniger Komplikationen ergeben, es würden sicherlich Relativierungsversuche von al-Nusra unternommen werden, sie zu einer „semi-moderaten Rebellengruppe“ erklärt werden und sich grundsätzlich nicht viel ändern. Gerade Qatar ist dort ein Sonderfall, der bereits seit Jahren versuchte das Bündnis zwischen al-Qaida und al-Nusra zu beenden, um eine bessere Unterstützung zu gewährleisten. Für den Westen – unter Druck von terroristischen Anschlägen – wäre es komplizierter. Wie sollen sie da nur die Unterstützung rechtfertigen? Bereits jetzt kritisiert die Bevölkerung und viele Institutionen derartige Aktionen. Zugleich würden Luftschläge auf al-Nusra erschwert ohne den Vorwurf, die „moderate Opposition“ ebenfalls anzugreifen.

Die Wahrscheinlichkeit eines allgemeinen Bündnisses unter al-Nusra ist definitiv wahrscheinlich, nachdem sie bereits im Februar derartige Pläne veröffentlichte.

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Bündnis mit IS/Daesh?

Es gab schon öfters diese Gerüchte, dieses Worst-Case-Szenario von einem Bündnis. Eine große Ähnlichkeit besitzen beide Fraktionen: Ehemalige al-Qaida-Ableger. Einer in Syrien, Einer im Irak. Dementsprechend verkündete Abu Bakr al-Baghdadi bereits früh, sollte sich al-Nusra von al-Qaida trennen werden sie herzlichst aufgenommen werden. Als Reaktion auf diese Verkündung 2013 liefen sogar viele Kämpfer von al-Nusra in Ostsyrien über, ideologische Differenzen existierten immerhin nicht und Daesh konnte wesentlich bessere Angebote für ihre Kämpfer bieten. Bis heute ist die syrisch-libanesische Grenze (Qaa) ein Beispiel für die gegenseitige Unterstützung der beiden Parteien, gemeinsam kämpfen sie gegen die SAA und Hisbollah, um eine langfristige Basis im Libanon zu etablieren. Joulani selber schrieb:“Brothers [Daesh] in Qalamun are hiding plenty of surprises“. Joulani und Zawahiri betonten stehts, dass der Kampf gegenüber den Ungläubigen/Assad wesentlich höhere Priorität einnimmt als gegen Glaubensbrüder z.B. den Islamischen Staat.

Die Beziehungen sind nur dadurch eingerostet, dass Daesh ein eigenes Kalifat errichten ließ und dies für den derartige Glaubensrichtungen üblich als den „Wissensmonopol“ darstellte. Al-Nusra hegt aber ebenfalls das Ziel von einem Ausruf eines Kalifates in Syrien.

Da das mittel- und langfristige Ziel weiterhin die Ausrufung eines Kalifats ist und ihre Beziehungen zu al-Qaida im gewinnen Maße weiterhin existieren ist dieses Bündnis unwahrscheinlich, aber immer noch wahrscheinlicher als es am Besten sein sollte.

Zusammenbruch von al-Nusra?

Ebenfalls eine Option: der Zusammenbruch von al-Nusra. Als al-Qaida vor einigen Monaten ihre wichtigste Basis im Nahen Osten verlor bat al-Zawahiri allen Mujahideen sich in das Levante/Sham zu begeben um dort ihr neues Kibla (Gebetsrichtung) zu errichten. Daraus resultierend gibt es verschiedene Fraktionen innerhalb von al-Nusra, vor allem ausländische Kämpfer die primär einen ideologischen Hintergrund haben, sind äußerst empfindlich bei derartigen Entscheidungen. Im Falle einer erneuten Waffenruhe und der ohnehin intensiven Finanzierung durch verschiedene Investoren mit verschiedenen Interessen könnte dies durchaus zu einem innerparteilichen Kampf führen. Vor allem die eigene Ausrufung eines Kalifats würde quasi den „Dolchstoß“ gegen al-Qaida bedeuten, die Abhängigkeit von al-Qaida von al-Nusra. Ironie der Geschichte.

Kurzfassung: Der Unabhängigkeit von al-Qaida ist hauptsächlich im momentanen Stand eine Farce mit Absegnung von al-Qaida. Sollte Joulani eigene große Pläne wie die Ausrufung des Kalifats weiterhin verfolgen und ebenfalls erzielen, könnte sich der Spieß umdrehen und vom mächtigsten Flügel von al-Qaida zu einem Daesh 2.0 entwickeln. Für die Opposition in Syrien ist diese Entwicklung in jeglicher Hinsicht ein Verlust. Die westliche Politik in Syrien wäre damit vollends gescheitert. 

Ereignisse am 22. Juli

Cn9P0NSW8AAwCCI.jpgHügel bei Madaya erobert

Nahe der für ihre angebliche Hungersnot berühmt gewordene Stadt Madaya westlich von Damaskus nahe der libanesischen Grenze wurde der Huraya-Hügel erobert, nachdem sich Berichten zufolge die Opposition von den dortigen Positionen zurückgezogen hatte. Als Reaktion kam es zu großen Verhaftungen der Hisbollah dort.

Cn-efcxUMAAdKF0.jpgErneut innere Kämpfe in Ost-Ghouta

Zwischen den beiden verschiedenen islamistischen Gruppierungen und wichtigen Fraktion innerhalb der Region östlich von Damaskus Jaysh al-Islam und Faylaq al-Rahman kam es zu Kämpfen. Jaysh al-Islam beschuldigt Faylaq, Eines ihrer Büros angegriffen zu haben. Dabei sollen mindestens 11 Personen getötet worden sein.

 

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Frieden zwischen Ahrar al-Sham und Jund al-Aqsa

Die beiden äußerst verfeindeten, islamistischen Gruppierungen Ahrar al-Sham und Jund al-Aqsa konnten vorzeitig einen Vertrag schließen, der die Kämpfe gegeneinander beendete. Vorausgegangen war die Beschuldigung Jund al-Aqsa’s, dass Ahrar al-Sham mithilfe einer improvisierten Bombe den ehemaligen Anführer al-Aqsa’s getötet haben soll. Unabhängig davon gibt es ständig Konflikte um die Bewertung von einem Kampf gegen Daesh.

 

Weiterer russischer Soldat getötet

Der russische Soldat Nikita Shevchenko wurde vor wenigen Stunden getötet, berichten russische Medien. Bei einem Einsatz in der Provinz Aleppo (Ort unbekannt) wurde er von einer IED am Wegesrand nahe seines Wagens lebensgefährlich verletzt und in ein Militärkrankenhaus gebracht, wo Ärzte verzweifelt versucht haben, ihn zu retten. Laut russischen Medien ist er wie üblich bei einer „humanitären Mission“ getötet worden, was aber nicht mehr als russische Propaganda sein wird.

Update bezüglich der Köpfung des Kindes

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Statement al-Zenki

Statement al-Zinki zum geköpften Kind

Harakat Nour al-Din al-Zenki veröffentlichte als Resultat für die Ermordung des Kindes ein Pressestatement. In diesem bezeichnen sie diese Tat als „menschenrechtsverletzende Aktion“ und werde die Täter in einem juristischen Scharia-Gericht ihre verdiente Strafe zukommen lassen, ergo es sich um einen individuelle „Fehler“ handelte, die in keinem Zusammenhang mit den „revolutionären Leitlinien“ al-Zenkis stehen. Im gleichen Atemzug aber warfen sie der Internationalen Staatengemeinschaft vor voreingenommen nicht auf eine solche Weise auf die Verbrechen des „Regimes“ hinzuweisen und aufgrund des „psychologischen Drucks“ der Belagerung die syrische Regierung ebenfalls schuldig daran ist. Keine nähere Angabe zum Kind selber. Teile der syrischen (diplomatischen) Opposition verurteilten ebenfalls innerhalb einer Pressemitteilung diese Tat.

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Statement Liwa al-Quds zum geköpften Kind

Die Gruppe wo das Kind angeblich Mitglied als Kämpfer aktiv war, verneinte diese Behauptung und beschrieben Abdallah Issa als einen palästinensischen Flüchtling (Anmerkung: Hadarat ist bekannt für sein palästinensisches Flüchtlingslager, ähnlich wie Liwa al-Quds nur aus palästinensischen Mitgliedern aus diesem Camp besteht). Er wurde demnach von al-Zenki entführt, einige Quellen sprechen dort aufgrund den Kanülen an seinen Armen und einer Bandage am ganzen Bein von einer Entführung aus einem dortigen Krankenhaus.

Weiteres Videomaterial vor der Köpfung aufgetaucht

Der Kontext und Inhalt sollte klar sein, es ist in jeglicher Hinsicht fernab von dem Alter der Person eine absolut menschenverachtende Tat, die sie selber ja bereits als „schlimmer als IS“ bezeichneten. Wichtiges Detail: Die Islamisten gehen selber davon aus, dass es sich um ein Kind handelt, unabhängig davon ob er ein Soldat ist, oder nicht.

479.pngPersonen aus dem Video als Kommandanten identifiziert

Einige Tage nach der Köpfung wurden mehrere Personen innerhalb des Videos identifiziert. Darunter waren ebenfalls die zwei wichtigsten Kommandanten von al-Zenki, Omar Salkhu und Mohammed Mayuf. Ebenfalls wurde Metin Nehlawi identifiziert, der die  Person geköpft hatte. Eine Bestrafung des „Scharia-Gerichts“ innerhalb der Gruppe kann man also aufgrund der hohen Position eher vergessen.

Auch wurde dieses interessante Bild gefunden.

Cn47noYWcAEgGBA.jpgAngebliche Beweise, dass es sich um einen Soldaten handelte

Am Tag nach der Köpfung wurde laut Berichten die ID-Karte des Jungen gefunden, die sein Alter auf 19 (Geburtsjahr 1996) angibt. Sollte die Authentizität bewiesen werden (unwahrscheinlich aufgrund der Quelle, Caroul Al-Issa) so scheint es in einem kriegsgeschundenen Land keine sonderliche Schwierigkeit zu sein, erstens einen gefälschten Pass zu erhalten und zweitens nun mal einfach Diese zu fälschen. Eine Reaktion war ein Replikat mit dem Bild von Caroul Al-Issa als Beweis, wie simpel diese Pässe gefälscht werden könnten. Ebenfalls sagt der Pass nachgewiesenermaßen aus, dass die Person aus der Provinz Homs stammt und es sich angeblich um einen Alawiten gehandelt haben soll.

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So machten ebenfalls Bilder die Runde, die den Jungen als Soldaten dargestellt hatten, die Poster sollen von der Beerdigung des „Märtyrers“ stammen, nahe Homs. Die Familie soll ebenfalls die Geschichte auf Facebook bestätigt haben, dazu fehlt mir aber die Quelle. Auch soll zur Erklärung des Aussehens die Theorie beitragen, dass er unter verschiedenen Krankheiten (unter anderem Thalassemia) gelitten hat und dementsprechend auch die Kanülen getragen haben soll. Zugleich soll es sich aber um einfache photogeshoppte Bilder handeln, um wie im Nahen Osten üblich eine verstorbene Person als Held, als Märtyrer darzustellen. Also hatte die Person wohl nie eine solche Waffe, geschweige denn tragen können.

Dort wiederum stellt sich die Frage, wieso ein syrischer Junge aus Homs bei Hakarat innerhalb einer palästinensischen Gruppe aktiv sein soll. Ganz zu schweigen von seinen Krankheiten, die eine ständige medizinische Versorgung benötigen.

Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass es sich bei dem Jungen um einen Soldaten von 19 Jahren handelt, so relativiert dies selbstverständlich nicht die menschenverachtende Tat der Köpfung. Zugleich wäre es aber ein entschiedener Unterschied für syrische Verhältnisse, die Köpfung von Gefangenen ist keine besondere Seltenheit und erfreut sich an Beliebtheit innerhalb der Opposition.

Ereignisse am 19. Juli

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Statement al-Zinki zum geköpften Kind

Für nähere Informationen, siehe diesen Artikel

Harakat Nour al-Din al-Zenki veröffentlichte als Resultat für die Ermordung des Kindes ein Pressestatement. In diesem bezeichnen sie diese Tat als „menschenrechtsverletzende Aktion“ und werde die Täter in einem juristischen Ausschuss ihre verdiente Strafe zukommen lassen, ergo es sich um eine individuelle Straftat handelte, die in keinem Zusammenhang mit den „revolutionären Leitlinien“ al-Zenkis stehen. Im gleichen Atemzug aber warfen sie der Internationalen Staatengemeinschaft vor voreingenommen nicht auf eine solche Weise auf die Verbrechen des „Regimes“ hinzuweisen und aufgrund des „psychologischen Drucks“ der Belagerung die syrische Regierung ebenfalls schuldig daran ist. Keine nähere Angabe zum Kind selber.

tl;dr Die syrische Regierung ist für solche Taten schuld und die Internationale Staatengemeinschaft ebenfalls. 

 

 

Unklare Situation in Nordlatakia

Das ewige Pingpong im Nordlatakia scheint weiterzugehen: Nachdem sich die Opposition unter Jaysh al-Fateh über den Abend sich unerwartete über weite Teile nördlich von Kinsabba zurückgezogen hat, starteten sie in der Nacht eine zu erwartende  Gegenoffensive. Als Resultat beanspruchen beide Seiten, Kinsabba zu beanspruchen. Ebenfalls soll um die Burg Shilif gekämpft werden. Die Offensive wurde von Selbstmordattentätern al-Nusras unterstützt.

 

 

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~80 Tote durch US-Luftangriff bei Manbij

Nach einem Luftangriff auf das Tokhar bei Manbij sind Berichten zufolge zwischen 50 und 160 (AMAQ) Zivilisten umgebracht worden. Es sollen sich bei dem Dorf um insgesamt 8 Familien gehandelt haben, die in einfachsten Behausungen wohnten. Dabei wurden entweder falsche Angaben (vielleicht im Zusammenhang mit den erbeuteten Dateien in Manbij) getätigt, oder es hatte sich um einen technischen Fehler gehandelt, zumindest ist eine solche Tat äußerst ungewöhnlich. Insgesamt sind nach einigen Angaben seit Beginn der Operation in Manbij etwa 103 Zivilisten umgebracht worden.

Kind von FSA lebendig geköpft

Nach schweren Kämpfen nahe des Handarat-Camps im Nordosten der Stadt Aleppo zwischen der regierungstreuen, dort ansässigen, palästinensischen Liwa al-Quods und der vom Westen unterstützten FSA-Gruppierung Harakat Nour al-Din al-Zenki konnte al-Zenki nach eigenen Angaben angeblich 13 Gefangene nehmen, worunter ein sehr junges Kind zu sein schien.

Das Kind wurde als Kindersoldaten der gegnerischen Miliz angesehen, nachdem sich in Handarat aufgrund der schweren Kämpfe und Frontgebiet fast keinerlei Zivilisten mehr aufhalten. Eingesetzte Kindersoldaten sind zum momentanen Zeitpunkt ein unbekanntes Mittel bei Liwa al-Quods (die grundsätzliche Toleranzgrenze bei regierungstreuen Milizen liegt bei 16 Jahren), womöglich könnte es sich aber um ein Kind handeln, welches eine unterstützende Rolle wie z.B. Transport von Munition etc. zur Aufgabe hatte. Diese Tat ist ebenfalls in jeglicher Hinsicht zu verurteilen.

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Gefangenes Kind

Als Reaktion auf diese Beschuldigung wurde das Kind zuerst vor laufender Kamera denunziert & geschlagen und danach lebendig geköpft. Eine solche Tat ist selbst für Gruppierungen wie Daesh brutal, die Köpfe zum Fußball spielen benutzten. Umso erstaunlicher ist es, dass eine solche Tat von der FSA verübt wurde.

 

Edit: Es soll sich um einen 12-jährigen Jungen gehandelt haben.

Gegenoffensive der SAA in Latakia erfolgreich

Wochen nachdem das islamistische Bündnis Jaysh al-Fateh eine Offensive in Nordlatakia gestartet hat um die brutalen Kämpfe in Aleppo auszulasten und dabei recht große und relevante Bodengewinne um Kinsibba zu verzeichnen hatte, konnte ebenfalls in den Wirren der türkischen Situation Kinsabba und weitere Dörfer & Berge in der Gegend zurückerobern.

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Berichten zufolge startete die dortige Armee mit Unterstützung der Hisbollah und weiteren syrischen Milizen wie z.B. der SSNP und Syrian Resistance vom Dorf Shilif eine Offensive zuerst in Richtung Tuba und danach nach Kinsabba, nachdem die umgebenen Hügel bereits erobert wurden. Damit befinden sich alle territorialen Veränderungen in etwa auf dem Stand vor der islamistischen Offensive in der Provinz Latakia. Vor wenigen Stunden veröffentlichten ebenfalls al-Nusra und Faylaq al-Sham in einer Pressemitteilung, dass sich der Ort wieder in Hand der Islamisten befindet, was wiederum von dortigen vertrauenswürdigen Quellen verneint wurde und ebenfalls es keine Bilder und/oder Videos dazu gibt.

Castillo-Straße erobert!

In der gestrigen Nacht am 17. Juli schaffte es die offensive Eliteeinheit der syrischen Armee „Tiger Forces„den Belagerungsring um Aleppo an seiner fragilsten Position zu verstärken und damit auch zu vertiefen. Direkt an der Hauptstraße wurde das gleichnamige Castello-Restaurant und weiter südwestlich befindliche Tel Castello-Hügel erobert. Damit befindet sich die Straße nicht mehr nur unter Feuerkontrolle, sondern auch unter faktischer Bodenkontrolle.

Den Erfolgen gehen weitere Erfolgen im Laraymoun-Industrieviertel südlich der Position voraus. Mit der Feuerkontrolle über den Layramoun-Kreisverkehr befindet sich quasi das gesamte Viertel unter der Kontrolle und nur noch die Beni Zeid-Nachbarschaft steht einer Vereinigung der beiden Offensiven entfernt, um die Belagerung perfekt zu machen.

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Rot: Layramoun-Kreisverkehr Gelb: Layramoun-Industrieviertel Grün: Castello-Restaurant + Hügel Blau: Castello-Straße

Türkischer Reichstagsbrand

Rund 15 Stunden nach dem Beginn des Militärputsches und dem wohl auch absehbaren Ende dieses Coups gibt es in der Allgemeinheit bereits Zweifel an der „Authentizität“ dieses Putsches, vor allem ein Resultat aus dem dilettantischen Vorgehen der Armee. Erlebten wir einen neuen Röhm-Putsch? 

Es scheint einen immer wiederkehrenden Algorithmus in der modernen türkischen Geschichte zu geben, der Algorithmus der Militärputsche innerhalb einer Dekade, so geschehen 1960, 1971, 1980 und 1997. Die Türkei hatte schon immer das Problem der „konspirativen Verflechtung von Militär, Geheimdiensten, Politik, Justiz, Verwaltung […]“, passenderweise beschrieben als „Tiefen Staat„. Das Militär und ebenfalls der türkische Geheimdienst sahen sich schon immer als die „Bewahrer“ der kemalistischen Türkei, der kemalistischen Türkei die von Erdogan und der AKP durch den zunehmenden islamischen Einfluss bedroht wurde. Nichtsdestotrotz darf man nicht vergessen, dass die Militärputsche der Vergangenheit ebenfalls den Sturz demokratischer Regierungen zu verantworten hatte, z.B. 1960, 1971 oder 1997.

Ironischerweise sprechen gerade türkische Medien und einige ehemalige Offiziere in der Armee davon, dass der putschende Teil der Armee gerade Anhänger der „Gülen-Bewegung“ waren, Erdogan’s erbitterter Erzfeind trotz großer ideologischer (islamistischer) Nähe. Ob es sich hierbei um gesicherte Informationen handelt, oder nur um die traditionelle Bedienung des Feindbildes ist unklar.

Obwohl es sich also um keine ungewöhnliche Tat handelt fragen sich nun trotzdem Leute, ob es sich um eine reine Inszenierung handelt mit dem Ziel, unliebsame Opposition in der Türkei zu beseitigen, durch den enormen Rückhalt der Bevölkerung quasi eine „Einheitsfront“ auszurufen und mitsamt einer Dolchstoßlegende Erdogan als lebenden Volksheld darzustellen, Bezwinger einer internationalen Verschwörung der USA (Zitat Erdogan) um die neue Supermacht Türkei zu zerstören. Es gibt tatsächlich äußerst ungewöhnliche Ereignisse und Aktionen für einen Umsturzversuch, wie selbst ehemalige CIA-Mitarbeiter gestern live bei CNN bestätigten.

Anmerkung: Ich möchte lediglich der Gesamtheit halber einige Beispiele für diese Möglichkeit erwähnen und dabei keine Wertung abgeben, die aufgrund der unzureichenden Informationen sich ohnehin als unmöglich gestaltet. 

Genannte Beispiele für eine mögliche Inszenierung war die fehlende Kontrolle gesamter Fernseh- bzw. Medienhäuser. Es wurden selbstverständlich einige Staatssender besetzt und unter die Kontrolle der Putschisten gebracht, aber nun mal ebenfalls sehr Wichtige nicht. Auch ist die Uhrzeit ein populäres Beispiel,  um ~21:30 Uhr konnte die Armee trotz landesweiter Ausgangssperre keinen zivilen Widerstand erwarten. Auch wurde sehr schleppend Verkehrsknotenpunkte und auch fast nur in Ankara und Istanbul gesperrt. Ebenfalls ist sehr interessant der Punkt, dass Erdogan scheinbar äußerst entspannt auf die gesamte Situation reagierte, währenddessen er bei ausländischer Kritik in Form eines Liedes eine diplomatische Eskalation verursachte.

Als Gegenargument wiederum konnte man Erdogan nicht als „Verteidiger des Türkentums“ erleben, sondern als einen kleinen denunzierten und einfachen Mann, der per Handy und Skype im türkischen Fernsehen zum Widerstand aufrief. Eine solche Darstellung ist innerhalb der türkischen Gesellschaft eine enorme Schmach, die der Reputation sicherlich schädigte. Ganz zu schweigen davon, dass die Türkei ein stabiles Land ist.

Um das Gebiet der Verschwörungstheorien zu verlassen und auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren: Ein äußerst interessantes Verhalten offenbarte sich hingegen in den internationalen Reaktionen: Während z.B. Soldaten der syrischen Armee die Nacht zelebrierten und die Wirren zur Offensive an der türkischen Grenze nutzten, viele Oppositionsparteien und der Iran den Militärputsch verurteilten und die Huthi-Rebellen gemischt reagierten gab es äußerst zurückhaltende Reaktionen aus dem Westen. Zu Beginn der unklaren Situation und deren Ausgang gab es keinerlei Reaktion der EU und USA, später folgten wie aus Russland eher vorsichtige Aussagen, die für eine „Stabilität in der Türkei“ hofften und man von einem „Aufstand“ redete. Erst als der Ausgang klar war und die Putschisten unterlegen waren äußerste sich zuerst ein EU-Minister und später auch andere Staatsoberhäupter negativ über den Militärputsch. Das zeigt definitiv einen gewissen Unmut gegenüber Erdogan, möglicherweise gar eine gewisse Unterstützung des Putschversuches.

Erschreckend war hingegen der Ausbruch der Gewalt, nachdem Erdogan und die islamischen Kleriker vereint zum Widerstand auf den Straßen gegen die Putschisten aufgerufen hatte. Während davor die Situation eher ruhig war, der größte Teil der Soldaten gar einen unbeteiligten Ausdruck machten und es nur zu größeren Gewaltausbrüchen im Regierungsviertel zwischen der Polizei und den Putschisten in Ankara kam, wurde daraus sehr schnell ein lodernder Flächenbrand der Gewalt. Die Gewalt der Erdogan-Anhänger erreichte wirklich ungeahnte Höhen für diesen Putsch, einfache Soldaten wurden gefoltert und drangsaliert. Diese Gewalt führte zu Gegengewalt und endete im Endeffekt mit Hunderten Toten auf beiden Seiten.

Es drohen nun dunkle Wolken am Horizont der Türkei, die Türkei die wir kannten wird es nie wieder geben. Ähnlich des Reichstagsbrandes werden wir wohl nie letztendlich erfahren ob es sich um eine Inszenierung der eigenen machtpolitischen Skrupellosigkeit handelt, oder um einen tatsächlichen und einfach fragwürdig ausgeführten Akt. Der antidemokratische und inhumanistische Effekt wird der Gleiche sein, die Opposition wird unter dem Argument der Sicherheit gegen Umsturzversuche ausgemerzt werden, die Prozedur zur Transformation einer Diktatur wird wesentlich beschleunigt werden und die Unterstützung Erdogans wird nach dem Denunzieren der Putschunterstützer einen gewaltigen Sprung nach oben machen. Erdogan scheint am Zenit seiner Macht, die Position des Präsidenten wird ihn für die nächsten Jahrzehnte wohl niemand streitig machen.

Meiner persönlichen Ansicht kann man aber auch über den misslungenen Umsturzversuch positiv gestimmt sein, Erdogan wird die nächste Zeit sich wohl völlig auf die Innenpolitik konzentrieren müssen und wird dadurch vor allem im Augenmerk auf Syrien & Irak wesentlich verringern. Die Industrie wird ein wesentliches Problem zukünftig werden, nachdem Investoren die Instabilität der Türkei sehen. Ein Erfolgreicher Putsch wäre ebenfalls problematisch gewesen, da aufgrund der großen Unterstützung Erdogans (Unterstützung Erdogans ≠ Unterstützung gegen Putsch) es dann höchst wahrscheinlich durchaus zu einem Bürgerkrieg entwickeln könnte. Anhand der Aktivitäten der PKK und Daesh-Schläferzellen wäre daraus ein Syrien 3.0 geworden. Daraus würde ebenfalls eine Flüchtlingskrise 3.0 resultieren, die den rechten Parteien wohl den „Endsieg“ bedeuten würde und damit ein modernes Europa dem Untergang geweiht wäre.

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Ereignisse 11-12. Juli

 

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Fortschritte im Industrieviertel

Weitere Fortschritte im Layramoun-Distrikt

Nach weiteren schweren Kämpfen konnten erneut Erfolge vor allem in Richtung des Layramoun-Kreisverkehres verzeichnet werden. die „4th Division“ in Unterstützung mit verschiedenen Milizen versucht wahrscheinlich vom Süden aus die Castello-Straße zu erobern und damit die Belagerung vollends abzuschließen.

 

 

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Erwähntes Dokument

 

Erste Anzeichen von Knappheiten in Ostaleppo

Nachdem die letzte große Versorgungsroute der Castello-Straße erfolgreich vor einer Woche gekappt wurde. machen sich bereits Knappheit der Nahrung und des Benzins bemerkbar. In einem Dokument drohen drei islamistische Gruppierungen den Händlern bei Wuchern die jeweilige Person zu inhaftieren, nachdem die Preise sich bereits verdoppelt haben. In Ostaleppo sollen noch zwischen 40.000 bis 400.000 Einwohner leben.

 

Waffenruhe – mal wieder – bis zum 14. Juni verlängert

Erneut wurde die Waffenruhe um weitere 72 Stunden verlängert. Weiterhin wird diese Waffenruhe fernab der Südfront in der Dara’a-Provinz von allen aktiven Fraktionen ignoriert werden.

 

Viele verschiedene, gescheiterte Offensiven in Ostaleppo

Die beiden großen Oppositionsbündnisse in Aleppo Jaysh al-Fatah und Fatah Halab starteten gemeinsam und separat auf verschiedenen Positionen in Aleppo Offensiven. Dabei griffen sie z.B. das stark befestigte Zentralaleppo, oder die Mallah-Farmen an. Alle Angriffe wurden erfolgreich zurückgeschlagen, wobei die jeweiligen Opferzahlen unbekannt sind. Der strategische Zweck der Offensiven lässt sich nicht erkennen, da sie gerade die am schwersten befestigten Gebiete in Aleppo angegriffen haben.

 

 

Enorme Erfolge in Darayya für die SAA

Nach vergangen Bemühungen die südlichen Farmen und den Südosten der Enklave  nahe Damaskus anzugreifen meldet die dortige Opposition, dass die Situation „sehr schwer ist und wir nur noch die Hälfte der Stadt halten.“ Es sollen sich insgesamt noch etwa 1.000 Kämpfer dort befinden.

 

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Aktivisten fordern zur Wiederaufnahme des Kampfes im Süden auf

Über 225 sogenannte Aktivisten und offizielle Pressemitteilungen von Gruppen wie Ahrar al-Sham fordern die Südfront dazu auf, die existente Waffenruhe seit dem 27. Februar zu beenden und damit weitere Kriegshandlungen gegen die Regierung aufzunehmen. Diese Reaktion hat das Ziel, die anderen Fronten wie im nahen Darayya, oder Aleppo zu entlasten.

 

 

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Situation Manbij

Aktive Oppositionsgruppen in Aleppo

Da scheinbar eine große Unklarheit von den involvierten Parteien in den Kämpfen um und in Aleppo herrscht und diese von ungenauen Aussagen wie „moderaten Rebellen“ bis hin zu äußerst fragwürdigen Aussagen wie Daesh reicht, versuche ich eine gewisse Klarheit in die Situation zu bringen. Vollständigkeit ist nicht garantiert.

 

 

Weitere Gruppierungen die höchst wahrscheinlich vertreten sind:

  • Haqq Brigade
  • Ansar al-Khilafah
  • Fajr al-Khilafah
  • Furqan Brigade
  • Authenticity & Development Front
  • Bayariq al-Islam
  • al-Hurriyah
  • al-Izzah
  • Fastaqm Kamar Umit

 

Zuletzt sind nochmal die zwei relevantesten Oppositionsbündnisse bzw. deren Mitglieder erwähnt, da deren Namen primär medial gefallen sind und nicht die der jeweiligen „Untergruppen„. Dementsprechend fallen auch Namen, die nicht in Aleppo aktiv sind, aber aufgrund der medialen Berichterstattung es durchaus sein könnten.

Das grundsätzliche Wissen sollte aus den zwei großen Bündnis bestehen; die salafistische Jaysh al-Fateh und der Fatah Halab, ein bunter Mix aus allen möglichen Positionen ist dort vertreten.

Ereignisse am 10. Juli

 

CnASamUXEAApiKh.jpgAssad begrüßt EU-Delegation

Eine Delegation des europäischen Parlaments unter der Führung des „stellvertretenden Vorsitzenden im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten“ Javier Couso besuchte Präsident Assad in Damaskus. Dabei drückte er die Priorität Syriens bei der Bekämpfung des Terrorismus aus und beschuldigte zugleich den Westen, dass sie für die Terroranschläge im Westen verantwortlich sind.

 

Mehrere Offensiven der Opposition bei Aleppo fehlgeschlagen

Nachdem die gestrige Offensive bei der Castello-Straße und den Mallah-Farmen mit 2 VBIEDs begonnen hat, wurde diese Offensive der Jaysh al-Fateh und Fatah Halab über den Tag erfolgreich abgewehrt. Die Verluste für die Oppositionen schwanken zwischen 40 und 100 Toten dabei. Ebenfalls gab es Angriffe bei der Zitadelle (Zentrum Aleppos), die alleine aufgrund der natürlichen Befestigungen abgewehrt wurde.

Währenddessen konnte die SAA im Bani Zeid & Al-Layramoun-Industrieviertel erneut leichte Fortschritte erzielen.

 

Vage Berichte über Kämpfe innerhalb Kinsabba

Laut dem offiziellen Account der NDF (National Defence Forces, eine Miliz) gibt es Berichte von Kämpfen innerhalb der strategischen wichtigen Stadt Kinsabba im Norden Latakias. Da diese Nachricht aber bereits mehrere Stunden alt ist und es ansonsten keinerlei Informationen darüber gibt kann man grundsätzlich davon ausgehen, dass es nicht stimmt. Auch gibt es unbestätigte Berichte über die Einnahme der Burg bei Shilif südöstlich Kinsabbas.

 

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SAA erobert Gebäude in Daraya

Die seit mehreren Jahren belagerte Ortschaft in West-Ghouta (bei Damaskus) musste erneut Rückschläge erleiden, nachdem mehrere Gebäude bei der Nour al-Deen Moschee erobert wurden.

 

 

Ereignisse am 9. Juli

Verlängerung der Waffenruhe um weitere 72 Stunden

Die syrische Nachrichtenagentur SANA verkündete eine Verlängerung der „Waffenruhe“ um 3 Tage und zitiert dabei Quellen aus dem syrischen Militär. Unabhängig davon hatte die Waffenruhe bis dato keinerlei Zweck erfüllt und es wird weiterhin regulär gekämpft werden.

 

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Syrische Armee erzielt leichte Fortschritte im Industrieviertel Aleppos

Die SAA kann leichte Erfolge im Layramoun-Industrieviertel im Norden Aleppos zwischen den Kreisverkehren von Bileramoun und Shihan verzeichnen. So wurden einige Gebäude und Straßenzüge erfolgreich erobert, was für den urbanen Kampf eine durchaus beachtliche Leistung ist. Das primäre Ziel wird es wahrscheinlich sein, die Castello-Straße ebenfalls vom Süden aus zu kappen.

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Benutzte Raketen der Opposition

44 Tote durch Artillerieangriffe der Opposition auf Aleppo

Die Opposition begann gestern Nacht mithilfe von „Hell Cannons“ und Elephant rockets„zivile Gebäude im Westteil der Stadt zu attackieren, wobei 44 Zivilisten gestorben und über 200 verletzt wurden. Eine Strategie lässt sich dahinter nicht erkennen, womöglich eine Art „Racheakt“ für die nun faktische Belagerung Aleppos.

 

Russischer Verteidigungsminister gesteht Abschuss eines Helikopters

Nachdem gestern die Nachrichtenagentur AMAQ von Daesh behauptete einen russischen Helikopter im Osten Palmyras/Tadmurs abgeschossen zu haben bestätigte der russische Verteidigungsminister diese Behauptung heute, nachdem Diese anfangs verneint wurde. Bei dem Mi-25-Helikopter wurden die zwei russischen Piloten Ryafagat Khabibulin und Yevgeny Dolgin getötet. Die Leichen wurden durch einen zweiten Helikopter „gerettet“.

 

 

Intensivierte Angriffe durch al-Nusra auf die Castello-Straße

Nachdem die Straße weiterhin gekappt ist fährt wortwörtlich Jabhat al-Nusra schwere Geschütze aus und nutzte aus eigener Behauptung 2 SVBIED’s (Fahrzeuggestützer Sprengstoffanschlag durch einen Selbstmordattentäter) gegen die Stellungen der SAA nördlich der Castello-Straße vor wenigen Minuten. Der Erfolg ist unbekannt, grundsätzlich sind SVBIEDs aber eine sehr wirksame und gefährliche Waffe.

 

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Links: Neues Wappen

Jabhat al-Akrad hat ein neues, kurdisches Wappen

Die ehemalige FSA-Gruppierung Jabhat al-Akrad hatte die Flagge der FSA in ihrem Wappen abgelegt und ein neues, sehr der YPG, YPJ etc. ähnliches Wappen kreiert. Der Grund ist für die ohnehin schon große Anzahl von kurdischen Kämpfern die intensivierten Beziehungen mit der YPG/SDF. Trotzdem sind sie zumindest de jure weiterhin Mitglied in Jaysh al-Thuwar, die weiterhin die FSA-Fahne benutzen.

 

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Manbij

Situation in Manbij

Nach eigenen Behauptungen der jeweiligen Fraktionen konnte die SDF und Daesh Erfolge in Manbij verzeichnen, so konnte z.B. die SDF das Asyadia- und Hazawni-Viertel südlich des Zentrums erobern. Zugleich behauptet Daesh Kämpfer der SDF/YPG nordwestlich der Stadt zu belagern, genaue Position unbekannt.